Marktphasen erkennen – Trend oder Seitwärtsmarkt?
Eine der wichtigsten Fähigkeiten im Trading ist nicht die Suche nach dem perfekten Einstieg. Viel entscheidender ist die Frage:
In welcher Marktphase befinden wir uns aktuell?
Denn nicht jede Strategie funktioniert in jeder Situation gleich gut. Ein Trendfolge-Setup kann in einem starken Trend hervorragende Ergebnisse liefern – in einem Seitwärtsmarkt aber mehrere Fehlsignale hintereinander produzieren.
Umgekehrt funktionieren klassische Range- oder Mean-Reversion-Strategien häufig besonders gut in ruhigen Seitwärtsphasen, können bei einem starken Ausbruch jedoch schnell unter Druck geraten.
Wer Marktphasen richtig einschätzen kann, verbessert deshalb nicht nur seine Einstiege. Er kann auch besser entscheiden, welche Strategie aktuell überhaupt sinnvoll ist.
Die zwei wichtigsten Marktphasen
Grundsätzlich lassen sich Märkte zunächst sehr einfach in zwei große Kategorien einteilen:
Trendmarkt
oder
Seitwärtsmarkt beziehungsweise Range.
Natürlich gibt es innerhalb dieser Phasen unterschiedliche Ausprägungen und Übergänge. Für die praktische Analyse reicht diese Unterscheidung aber oft bereits aus.
1. Was ist ein Trendmarkt?
Von einem Trend sprechen wir, wenn sich der Kurs über einen bestimmten Zeitraum überwiegend in eine klare Richtung bewegt.
Dabei unterscheiden wir zwischen:
- Aufwärtstrend
- Abwärtstrend
Aufwärtstrend
Ein klassischer Aufwärtstrend besteht aus:
höheren Hochs und höheren Tiefs.
Der Markt steigt also nicht einfach nur gerade nach oben. Typischerweise sehen wir immer wieder kleinere Korrekturen.
Beispiel:
Der Kurs steigt von 100 auf 110 Punkte.
Danach fällt er auf 105 zurück.
Anschließend steigt er auf 118.
Die Struktur wäre:
100 → 110 → 105 → 118
Das neue Tief liegt oberhalb des vorherigen Tiefs und das neue Hoch liegt oberhalb des vorherigen Hochs.
Die Marktstruktur zeigt damit weiterhin nach oben.
Abwärtstrend
Bei einem Abwärtstrend sehen wir genau das Gegenteil:
tiefere Hochs und tiefere Tiefs.
Beispiel:
Der Kurs fällt von 100 auf 90.
Danach erholt er sich auf 95.
Anschließend fällt er auf 85.
Die Marktstruktur zeigt weiterhin nach unten.
Warum Trends für Trader interessant sind
rendmärkte können besonders attraktiv sein, weil sich Bewegungen teilweise über Stunden, Tage oder sogar Wochen fortsetzen.
Statt ständig neue Hochs oder Tiefs vorherzusagen, versucht ein Trendtrader häufig einfach:
mit der bestehenden Bewegung zu handeln.
Eine bekannte Börsenweisheit lautet deshalb:
„The trend is your friend.“
Das bedeutet allerdings nicht, dass man jedem steigenden Markt sofort hinterherlaufen sollte.
Oft bieten gerade die Korrekturen innerhalb eines Trends interessante Einstiegsmöglichkeiten.
2. Was ist ein Seitwärtsmarkt?
Nicht immer bewegt sich der Markt klar nach oben oder unten.
Sehr häufig pendelt der Kurs über längere Zeit zwischen zwei Bereichen.
Man spricht dann von einem:
Seitwärtsmarkt, einer Range oder Konsolidierung.
Dabei gibt es typischerweise:
- einen Unterstützungsbereich auf der Unterseite
- einen Widerstandsbereich auf der Oberseite
Der Markt bewegt sich immer wieder zwischen diesen beiden Zonen.
Beispielsweise könnte der DAX mehrfach zwischen 19.000 und 19.200 Punkten pendeln.
Solange weder die Unterstützung noch der Widerstand nachhaltig gebrochen werden, befindet sich der Markt weiterhin innerhalb dieser Range.
Warum Seitwärtsmärkte für Trendstrategien schwierig sind
Viele technische Indikatoren erzeugen innerhalb einer Range regelmäßig Fehlsignale.
Ein gleitender Durchschnitt könnte beispielsweise ein Kaufsignal anzeigen.
Kurz darauf dreht der Markt wieder nach unten.
Anschließend entsteht ein Verkaufssignal.
Wenig später dreht der Markt erneut nach oben.
Das Ergebnis:
Der Trader wird immer wieder ausgestoppt.
Dieses Verhalten wird häufig als „Whipsaw“ bezeichnet.
Das Problem liegt dabei nicht unbedingt an der Strategie.
Die Strategie wird möglicherweise lediglich in einer ungeeigneten Marktphase eingesetzt.
Wie erkennt man einen Trend?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Trendphase zu identifizieren.
1. Marktstruktur
Die einfachste und gleichzeitig eine der wichtigsten Methoden ist die Analyse der Hochs und Tiefs.
Aufwärtstrend
- höhere Hochs
- höhere Tiefs
Abwärtstrend
- tiefere Hochs
- tiefere Tiefs
Wer diese Struktur im Chart erkennt, benötigt dafür zunächst keinen zusätzlichen Indikator.
2. Gleitende Durchschnitte
Moving Averages beziehungsweise gleitende Durchschnitte können helfen, die grundsätzliche Marktrichtung einzuschätzen.
Häufig verwendet werden beispielsweise:
- EMA 50
- EMA 100
- EMA 200
Befindet sich der Kurs deutlich oberhalb eines steigenden EMA 200, kann dies auf einen übergeordneten Aufwärtstrend hindeuten.
Liegt der Kurs deutlich darunter und fällt der EMA ebenfalls, spricht dies eher für einen Abwärtstrend.
Besonders interessant kann auch die Anordnung verschiedener gleitender Durchschnitte sein.
Beispielsweise:
EMA 50 > EMA 100 > EMA 200
Dies spricht häufig für ein starkes bullisches Umfeld.
3. Abstand der gleitenden Durchschnitte
Nicht nur die Position der Moving Averages ist wichtig.
Auch deren Abstand kann Hinweise auf die Marktphase liefern.
Liegen EMA 50, EMA 100 und EMA 200 sehr eng zusammen und kreuzen sich ständig, befindet sich der Markt häufig in einer unklaren oder seitwärts gerichteten Phase.
Fächern sich die Durchschnitte dagegen deutlich auf, kann dies für einen stärkeren Trend sprechen.
Wie erkennt man einen Seitwärtsmarkt?
Eine Seitwärtsphase lässt sich ebenfalls über verschiedene Merkmale erkennen.
Fehlende Marktstruktur
Der Markt bildet keine klaren höheren Hochs oder tieferen Tiefs.
Stattdessen entstehen viele Hochs und Tiefs auf ähnlichen Preisniveaus.
Der Kurs wirkt dadurch häufig unruhig oder „eingeklemmt“.
Klare Unterstützungs- und Widerstandsbereiche
Ein typisches Merkmal einer Range sind mehrfach getestete Preisbereiche.
Der Kurs reagiert beispielsweise mehrfach bei:
Unterstützung: 20.000 Punkte
und
Widerstand: 20.200 Punkte.
Je häufiger diese Bereiche respektiert werden, desto offensichtlicher wird die Range.
Seitwärts laufende gleitende Durchschnitte
Auch Moving Averages liefern Hinweise.
Wenn mehrere gleitende Durchschnitte nahezu horizontal verlaufen und sich häufig kreuzen, spricht dies häufig gegen einen klaren Trend.
Der häufigste Fehler: Die Strategie nicht an die Marktphase anpassen
Viele Trader suchen nach „der einen Strategie“, die dauerhaft funktioniert.
In der Realität verändern sich Märkte jedoch ständig.
Eine Strategie kann mehrere Wochen hervorragend funktionieren und anschließend plötzlich deutlich schlechtere Ergebnisse liefern.
Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Strategie nicht mehr funktioniert.
Möglicherweise hat sich einfach die Marktphase verändert.
Beispiel:
Eine Breakout-Strategie erzielt gute Ergebnisse während eines starken Trends.
Der Markt geht anschließend mehrere Wochen in eine enge Range über.
Plötzlich entstehen zahlreiche Fehlausbrüche.
Wer die Marktphase berücksichtigt, könnte nun entscheiden:
Breakout-Trading reduzieren oder pausieren.
Stattdessen könnte eine Range-Strategie interessanter werden.
Welche Strategien passen zu welcher Marktphase?
Sehr vereinfacht lässt sich folgende Zuordnung verwenden:
Trendmarkt
Mögliche Ansätze:
-
Trendfolge
-
Breakout-Trading
-
Pullback-Trading
-
Moving-Average-Strategien
-
Momentum-Strategien
Seitwärtsmarkt
Mögliche Ansätze:
-
Range-Trading
-
Mean Reversion
-
Handel an Unterstützung und Widerstand
-
Rückkehr zum gleitenden Durchschnitt
Wichtig ist allerdings:
Keine Strategie funktioniert automatisch nur deshalb, weil die vermeintlich passende Marktphase vorhanden ist.
Risikomanagement und ein getestetes Regelwerk bleiben entscheidend.
Ein möglicher Ablauf vor jedem Trade
Bevor man nach einem Einstieg sucht, kann eine einfache Checkliste helfen.
1. Was macht der übergeordnete Trend?
Steigt der Markt?
Fällt er?
Oder bewegt er sich seitwärts?
2. Wie sieht die Marktstruktur aus?
Entstehen höhere Hochs und höhere Tiefs?
Oder tiefere Hochs und tiefere Tiefs?
3. Gibt es klare Unterstützungen oder Widerstände?
Pendelt der Markt zwischen zwei Bereichen?
4. Wie verhalten sich die gleitenden Durchschnitte?
Steigen oder fallen sie klar?
Oder bewegen sie sich nahezu horizontal?
5. Wie hoch ist die Volatilität?
Steigt die ATR?
Werden die Bollinger Bänder breiter oder enger?
6. Passt meine Strategie zur aktuellen Marktphase?
Diese Frage sollte man sich vor jedem Einstieg stellen.
Mehrere Zeiteinheiten berücksichtigen
Ein wichtiger Punkt wird häufig übersehen:
Ein Markt kann gleichzeitig in mehreren Marktphasen sein.
Der DAX könnte beispielsweise im Tageschart einen klaren Aufwärtstrend zeigen.
Im Stundenchart befindet er sich aktuell jedoch in einer Seitwärtsphase.
Im 5-Minuten-Chart wiederum entsteht gerade ein kurzfristiger Abwärtstrend.
Deshalb sollte die Marktphase immer in Verbindung mit dem eigenen Trading-Zeithorizont betrachtet werden.
Ein Daytrader analysiert andere Strukturen als ein Swingtrader.
Fazit: Erst die Marktphase, dann die Strategie
Viele Trader beginnen ihre Analyse mit der Frage:
Wo kann ich kaufen oder verkaufen?
Eine bessere Frage lautet häufig:
Welche Marktphase liegt aktuell überhaupt vor?
Denn davon hängt ab, welche Strategie sinnvoll sein könnte.
Ein Trendmarkt zeichnet sich typischerweise durch klare höhere oder tiefere Hochs und Tiefs aus.
Ein Seitwärtsmarkt besitzt dagegen häufig klar erkennbare Unterstützungs- und Widerstandszonen.
Indikatoren wie Moving Averages, ADX, ATR oder Bollinger Band Width können bei der Einschätzung unterstützen.
Sie ersetzen jedoch nicht die Analyse der eigentlichen Marktstruktur.
Wer lernt, Marktphasen zu erkennen und seine Strategie entsprechend auszuwählen, kann viele unnötige Trades vermeiden.
Und manchmal ist die beste Entscheidung sogar:
Keinen Trade einzugehen, wenn die aktuelle Marktphase nicht zur eigenen Strategie passt.
Genau diese Fähigkeit unterscheidet langfristig häufig strukturiertes Trading vom einfachen Reagieren auf jedes neue Signal.
Über den Author
Michael G.. - Founder PimpYourTrading
Michael ist einer der Gründer von PimpYourTrading . Sein Aufgabengebiet liegt vor allem in den wöchentlichen Analysen und fundamentalen Ausblicken für unsere Mitglieder. Zudem betreut Michael die Trader Helfen Trader Gruppe und ist Mit-Entwickler des Grundlagenkurses